Pflege zuhause oder im Pflegeheim?

Es ist wohl eine der schwierigsten Fragen, die sich Familien stellt, wenn der Partner, die Mutter oder der Vater pflegebedürftig wird: wie, von wem und wo soll der Betroffene gepflegt werden? Besonders bei Ehepaaren ist es meist eine als selbstverständlich empfundene Pflicht, den erkrankten Partner zu Hause zu pflegen. In vielen Fällen mündet das jedoch in Überforderung und Verzweiflung. Welche Fragen sollten sich die Betroffenen stellen, um die beste Lösung für alle Beteiligten zu finden? Welche Unterstützung gibt es für pflegende Angehörige? Wann ist das Pflegeheim die bessere Alternative? Wir haben Baldur Stiehl, Pfarrer und Geschäftsführer der Ev. Altenhilfe und Krankenpflege Nahe-Hunsrück-Mosel gGmbH befragt. Die gemeinnützige Gesellschaft betreibt vier Altenpflegeheime sowie vier ambulante Pflegedienste im Raum Bad Kreuznach, Simmern, Kirn und Sohren und beschäftigt insgesamt 580 Mitarbeiter.

 

 

Herr Stiehl, von welchen Faktoren sollte die Entscheidung über ambulante oder stationäre Pflege abhängig gemacht werden?

 

Baldur Stiehl: Grundsätzlich sind zwei Faktoren maßgebend für diese Entscheidung. Erstens gilt es zu klären, welche Art von Pflegebedürftigkeit vorliegt. Welche spezifischen Pflegemaßnahmen sind erforderlich, um das Wohl des Betroffenen zu gewährleisten? In der Regel gilt: je komplexer die Pflegeanforderungen sind, desto eher ist die Unterbringung in einem Pflegeheim angezeigt. Sind es dagegen einfache körperliche Gebrechen, deren Pflege unkompliziert ist und vergleichsweise wenig Aufwand bedeutet, ist vermutlich die häusliche Pflege die bessere Option.

 

Der zweite maßgebliche Faktor ist jedoch auch hier die Frage nach dem familiären bzw. nachbarschaftlichen Umfeld. Wie tragbar ist dieses Netz? Ist der Partner, sind die Kinder oder die Nachbarn willens und in der Lage, den Pflegebedürftigen zu unterstützen?

 

Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen, die von der arbeitenden Bevölkerung eine hohe Mobilität erfordert, wohnen Kinder z.B. häufig nicht mehr in der Nähe ihrer Eltern. Eine regelmäßige Unterstützung vor Ort kann dann nicht mehr geleistet werden.

 

In den meisten Fällen ist es jedoch der langjährige Ehepartner, der sich in der Pflicht sieht, sich um den Pflegebedürftigen zu kümmern. Dies geschieht oft ganz selbstverständlich. Häufig kommt dann aber der Moment, an dem diese Aufgabe den Pflegenden über den Kopf wächst. Was mit den besten Absichten begonnen wurde, mündet dann nicht selten in Überforderung.

 

Wie kann diese Überforderung vermieden werden?

 

Viele Angehörige – insbesondere ältere Menschen – neigen bisweilen dazu, über ihre körperliche und seelische Belastungsgrenze hinauszugehen oder können sich mit der Tatsache nicht anfreunden, dass ihre Kräfte nachlassen. Dann tragen sie ein hohes Risiko, selbst zu erkranken, wenn sie Aufgaben übernehmen, die sie z.B. besser ambulanten Pflegediensten überließen. Häufig hindert sie die Scheu, sich von fremden Menschen helfen zu lassen, daran, diese Dienste in Anspruch zu nehmen.

 

Viele wissen auch nicht, dass diese Leistungen von der Pflegekasse bezahlt werden. Auskunft, welche Leistungen je nach individueller Hilfsbedürftigkeit in Anspruch genommen werden können, erteilen übrigens die Pflege- bzw. Krankenkassen oder auch die Sozialstationen. Das Angebot ist vielfältig. Oftmals stellt z.B. eine Wohnraumanpassung, wie der barrierefreie Umbau des Bades, eine große Erleichterung dar. Manchmal ist es die Bereitstellung von Hilfsmitteln wie z.B. die eines Rollators, die den Alltag der Betroffenen enorm vereinfachen.

 

Eine gute Lösung stellt in vielen Fällen auch die Inanspruchnahme einer Tagespflege dar, die große Erleichterung und Entlastung für die pflegenden Angehörigen bringt. Hier wohnen die Betroffenen weiterhin zu Hause, werden aber tagsüber in einer modernen Einrichtung von qualifizierten Mitarbeitern betreut. Die Tagespflege fördert und aktiviert die praktischen Fähigkeiten der Gäste und bietet Abwechslung, Geselligkeit und soziale Kontakte. Sie fördert die Gäste individuell und ermöglicht es ihnen, die eigene Wohnung und die vertraute Umgebung so lange wie möglich zu erhalten.

 

Auch für pflegende Angehörige gibt es inzwischen zahlreiche Hilfsangebote, die meist kostenfrei in Anspruch genommen werden können, wie z.B. Pflegekurse oder Seminare zu medizinischen, psychosozialen bzw. rechtlichen Fragen. Hilfe bieten auch die vielen Angehörigengruppen, in welchen Probleme auf Augenhöhe besprochen und Lösungsideen gemeinsam entwickelt werden können, da jeder von den Erfahrungen der anderen profitiert.

 

Wann ist das Altenpflegeheim die bessere Lösung?

 

Eine Unterbringung im Pflegeheim ist dann sinnvoll, wenn die häusliche Pflege trotz der Unterstützung von ambulanten Pflegediensten nicht mehr ausreichend ist. Die Entscheidung für das Pflegeheim fällt den Angehörigen trotzdem schwer und führt oft zu Schuldgefühlen – der Umzug des Patienten ins Pflegeheim wird immer wieder als "Abschieben" erlebt.

 

Nur: In vielen Fällen ist die Unterbringung des Pflegebedürftigen für alle Beteiligten die beste Lösung. Für die Pflege ist gesorgt, und Angehörige können sich im Pflegeheim entspannter um den Patienten kümmern und unbeschwerter Zeit mit ihm verbringen. Insbesondere bei Demenzpatienten ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Umzug in ein Pflegeheim früher oder später nicht zu vermeiden ist – vor allem, wenn nicht nur am Tag, sondern auch in den Nachtstunden Pflege und Betreuung notwendig sind. Altenpflegeheime bieten hier eine umfassende Versorgung und Betreuung sowohl pflegerisch, medizinisch und auch hauswirtschaftlich. Darüber hinaus ist auch eine soziale Betreuung gewährleistet.

 

Gerade als Geschäftsführer einer gemeinnützigen Gesellschaft, die sowohl Pflegeheime als auch ambulante Pflegedienste betreibt, liegt es mir fern, beide Versorgungsformen gegeneinander auszuspielen.

 

Zwar unterstütze ich den Grundsatz „ambulante Pflege vor stationärer Unterbringung“; man sollte jedoch nicht den Umkehrschluss ziehen, dass die stationäre Pflege grundsätzlich die schlechtere Option ist.

 


Erste Hilfestellungen für Betroffene liefert das kostenlose E-Book 24-Stunden-Pflege zu Hause von Yvonne Weber. Darin werden viele Fragen zur häuslichen Pflege geklärt.


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