Eiskalte Geschäfte mit heißer Ware

Das Geschäft mit Imitaten boomt. Ob Legosteine, die Handtasche von Louis Vuitton,

oder die Jeanshose von Levi Strauss – für fast jeden Markenartikel gibt es bereits preisgünstigere Kopien. Gefälscht wird alles, was im Trend liegt oder teuer ist.

 

 

Waren vor Jahren die ersten Produktimitate noch plumpe Versuche der Nachahmung, reicht der Ideenklau heute bis hin zum komplexen Technologieraub. Auf den florierenden Schwarzmärkten Europas werden inzwischen nahezu perfekte Kopien gehandelt, die es selbst den Experten schwer machen, das Original von der Fälschung zu unterscheiden.

 

Nach Schätzungen der Internationalen Handelskammer werden mittlerweile bereits 10 Prozent des gesamten Welthandelsvolumens durch den Ex- und Import von Fälschungen erzielt. Der jährliche weltweite Schaden durch Produktpiraterie beträgt laut der Internationalen Koalition gegen Fälschungen (IACC) derzeit rund 300 Milliarden Euro. Tendenz steigend. Denn neben der bislang von den asiatischen Ländern dominierten “Raubkopien-Industrie” hat sich zwischenzeitlich auch in Europa ein gut organisiertes Produktions-und Vertriebsnetz für Fälschungen entwickelt. Laut Berichten der “Vereinigung zur Bekämpfung von Produktpiraterie (VBP)” gehören Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und die Türkei zu den derzeitigen Industriezentren für gefälschte Markenprodukte. Gefälscht wird in großem Maßstab. Von Kreditkarten und Aktien über technische Einzelteile und Sportgeräte bis zu Pharmazeutika, CD’s, Textilien und Genußmitteln. 

 

Die illegalen Produkte wandern auf den einschlägigen Märkten Zentraleuropas in den Besitz von Touristen oder professionellen Schiebern. Letztere beziehen die gefälschten Produkte in großem Stil, um sie über ihr perfekt organisiertes Netz von Vertriebskanälen in den Mitgliedstaaten der EU weiterzuveräußern. Offene Grenzübergänge und freie Handelsabkommen erleichtern die dunklen Geschäfte. 

 

Die Schweizer Uhrenindustrie zum Beispiel schätzt den jährlichen Verkauf ihrer Imitate auf rund 10 Millionen Stück. Auch im Bereich der Unterhaltungselektronik tun Schritte gegen die Produktpiraterie not: Wie Musikmarkt-Online meldete, gehen der Tonträgerindustrie bei einem Gesamtumsatz von 5 Milliarden Mark grob gerechnet 2,5 bis 3 Prozent durch Piraterie verloren. Der verursachte Schaden läßt sich auf etwa 130 Millionen Mark beziffern. 

 

Die Entwicklung gewinnbringender Markenartikel ist aufwendig und teuer. Sie bedarf einer Menge Know-how und Kreativität. In der Regel ist es ein langwieriger Prozeß, der sich über Jahrzehnte hinziehen kann, bis sich eine Marke erfolgreich etabliert hat. Aufwendige Werbekampagnen und die ständige Präsenz am Point-of-Sale sind erforderlich um vom Konsumenten, der mit einer immer dichteren Markenlandschaft konfrontiert ist, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. 

 

Wirstschaftsparasiten machen sich Aufbauarbeit der Markenartikler systematisch zu Nutze, dabei ersparen sie sich nicht nur millionenschwere Entwicklungs- und Marketingkosten, auch der Fiskus hat das Nachsehen, denn von den Umsätzen werden keine Steuern abgeführt.

 

Das illegale Treiben der Produktpiraten wird zudem häufig unterstützt von bürokratischen Mängeln bei der Registrierung und der internationalen Anmeldung von Rechten, sowie von fehlenden Kontrollmechanismen beim Warenimport. Zudem erhalten sie in manchen Ländern häufig Schützenhilfe von korrupten Behörden, die kräftig mit verdienen am organisierten Raubrittertum. Rechtliche Grauzonen und ein viel zu geringes Strafmaß in vielen Drittweltländern begünstigen den Vertrieb illegaler Waren.

 

Dank neuer Technologien haben sich die Fälschungsfrequenzen inzwischen drastisch verkürzt. “Ein Plagiat unserer zuletzt in Rußland lancierten Marlboro-Packung erschien bereits zwei Monate nach Markteinführung,” klagt Nils Moeller, Direktor für Packaging Services bei der Europazentrale von Philip Morris in Lausanne. In der “Aservatenkammer” des amerikanischen Zigarettenherstellers türmen sich bereits über 200 gefälschte Varianten firmeneigener Marken. Besonders dreiste Zierstücke der Sammlung sind die von Fälschern selbstkreierten Produkterweiterungen. Der geschätzte Schaden beläuft sich auch hier auf Millionen.

 

Wurde das eigene Produkt erst mal als Fälschung gesichtet, ist es zumeist ein langwieriger und aussichtsloser Kampf, die Piraten ausfindig zu machen und ihnen das Handwerk zu legen.

 

Doch neben dem finanziellen Verlust ist der immaterielle Schaden, der durch die Falsifikate verursacht wird, in vielen Fällen ungleich höher. Denn wird das Produkt vom Konsumenten nicht als Plagiat erkannt, muß der Markenhersteller mit Vertrauensverlust in seine Produktqualität rechnen. Entpuppt sich das vermeintliche Parfüm von Escada zum Beispiel als übelriechendes Billigwasser, greift der Kunde später vorzugsweise zu anderen Markenprodukten.

 

Fälscher bedienen sich in der Regel kostengünstiger und mangelhafter Materialien und sparen sich die aufwendige Qualitätskontrolle. So verstoßen sie mit ihren Plagiaten gegen eine Fülle von nationalen und europäischen Vorschriften, die den Verbraucherschutz, die Produkthaftung oder das öffentliche Gesundheitswesen regeln. 

Prominentes Opfer der Produktpiraten wurde 1998 der Formel-1-Rennfahrer Mika Häkkinen, der beim Großen Preis von San Marino das Ziel nicht erreichte, weil ein gefälschtes Kugellager sein Getriebe zerstörte.

 

Das internationale Geschäft mit Plagiaten nimmt ebenso erheblichen Einfluß auf die industrielle Wettbewerbsfähigkeit und die Beschäftigungssituation in den jeweiligen Ländern. In Deutschland beispielsweise sollen nach Schätzungen des Deutschen Justizministeriums jährlich ca. 70.000 Arbeitsplätze aufgrund von Produktpiraterie verlorengehen.

 

Um den Kampf gegen die Fälscherkartelle aufzunehmen, wurden weltweit verschiedene Initiativen gegründet. Dazu zählen der Weltverband zur Bekämpfung der Produktpiraterie, die Global Anti-Counterfeiting Group (ACG). In Deutschland wurde neben der im April 1995 gegründeten Vereinigung zur Bekämpfung von Produktpiraterie (VBP) auch der Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt-und Markenpiraterie (APM) aus der Taufe gehoben. Zu den Mitgliedern zählen führende Markenhersteller wie zum Beispiel Adidas, Calvin Klein, oder selbst Fußballvereine wie der FC Bayern München. In der Agenda der Organisationen stehen neben der Bekämpfung der Produktpiraterie, die Beratung ihrer Mitglieder sowie die Verbesserung der gesetzlichen Grundlage zur Unterbindung widerrechtlicher Nachahmungen. 

 

 

Mehr Sicherheit durch Prävention

 

Neben der Verfolgung der Fälscher, versuchen immer mehr Unternehmen präventiv gegen das illegale Kopieren ihrer Produkte vorzugehen. Inzwischen hat sich die Palette der produktschützenden Sicherungsmittel enorm erweitert. Ganze Industriezweige verlegen sich auf die Entwicklung fälschungssicherer Features, wie z.B. Hologramme, Sicherheitsfarben oder Spezialmaterialien. Selbst herkömmlicher Tesafilm könnte die Industrie zukünftig im Kampf gegen Markenpiraterie unterstützen. Die Firma Beiersdorf hatte das Klebeband bereits vor zwei Jahren als Speichermedium entdeckt. Nun will das Unternehmen Tesa auch zur Herstellung von Hologrammen auf Softwarepaketen einsetzen. Anders als bei herkömmlichen Hologrammen auf Softwareprodukten, soll das Tesa-Echtheitszeichen unauffälliger und schwer zu fälschen sein. 

Auch die Bundesdruckerei beteiligt sich an der Suche nach neuen Sicherheitskomponenten. 

 

So hat diese im September letzten Jahres die sogenannte “Elektronischen Nase” vorgestellt. Markenartikel erhalten bei dieser Technik mittels einer Mikrokapsel eine individuelle Duftnote, die das Gerät mit Hilfe von Sensoren erkennen und somit die Echtheit des Produktes prüfen kann. 

 

Neben den bekannten Bar- und EAN Codes finden sich unter den Sicherheitsmarkierungen inzwischen auch weitere High-tech-Produkte wie zum Beispiel Radio-Frequenz-Chips oder DNA-gestützte Biotech-Etiketten, die neben dem Kopierschutz eine lückenlose Verfolgung des Distributionsweges möglich machen. 

 

Die Beispiele zeigen deutlich, dass die Industrie den Kampf gegen moderne Piraten verstärkt aufgenommen hat und nun ihrerseits nach geeigneten Enterhaken sucht, um kommende Kaperfahrten für sich zu entscheiden. 


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